Lille – Frankreichs unterschätzte Weinstadt
Wer an französische Weinstädte denkt, dem kommen vermutlich zuerst Beaune, Bordeaux oder vielleicht Paris in den Sinn. Lille dagegen taucht auf den wenigsten Landkarten von Weinliebhabern auf. Zu Unrecht. Die nordfranzösische Metropole überrascht mit einer lebendigen Weinkultur, außergewöhnlichen Cavistes, spannenden Restaurants mit Weinkarten, die selbst erfahrene Weinfreunde staunen lassen.
Auf Lille aufmerksam geworden bin ich eher zufällig. Ein Termin führte mich zunächst nach Brüssel. Da die französische Grenze nur einen Katzensprung entfernt liegt, entstand die Idee, die Reise um einige Tage zu verlängern. Mit dem TGV sind die rund 120 Kilometer zwischen Brüssel und Lille in gerade einmal 34 Minuten zurückgelegt, für oft weniger als 20 Euro inklusive Sitzplatzreservierung.
Schon der Weg vom Bahnhof Lille Europe in die Altstadt erzählt viel über die Stadt. Nach wenigen Minuten verschwinden die modernen Gebäude, und die Straßen werden schmaler. Historische Fassaden, kleine Plätze und Straßencafés prägen das Bild. Lille wirkt sofort französisch, gleichzeitig aber angenehm entspannt und unaufgeregt.
Während ich Richtung Innenstadt lief, stellte ich mir eine Frage: Kann eine Stadt, deren kulinarische Tradition eher vom Bier als vom Wein geprägt ist, einen Weinliebhaber wirklich überraschen?
Die Antwort lautete bereits wenige Stunden später: Ja – und wie.
Bei einem Spaziergang durch die Altstadt fiel mir auf, wie viele kleine Cavistes über die ganze Stadt verteilt sind. Viele von ihnen wirken von außen eher unscheinbar. Verblasste Etiketten an den Weinflaschen und eine feine Staubschicht in den Schaufenstern ließen manche Auslage auf den ersten Blick etwas in die Jahre gekommen erscheinen. Nichts deutete darauf hin, welche Schätze sich hinter den Türen verbargen. Ich musste mich erst überwinden, den ersten Laden zu betreten. Doch zum Glück siegt bei mir fast immer die Neugier.
Und sie wurde fast immer belohnt. Hinter den schlichten Fassaden verbirgt sich eine erstaunliche Auswahl an handwerklich erzeugten Weinen von Winzern, die ihre Herkunft und den respektvollen Umgang mit der Natur in den Mittelpunkt stellen. Selbst kleinere Cavistes bieten sorgfältig zusammengestellte Sortimente, in denen sich spannende Entdeckungen machen lassen.
So fand ich bei Les Vins d’Aurélien eine Flasche 2020 Château de Bonnezeaux La Montagne für gerade einmal 32 Euro. Der Wein hatte mich schon lange interessiert und sollte mich wenig später bei einem Picknick am Canal de la Moyenne-Deûle begleiten.
Doch nicht nur die Weine machten diese Besuche so besonders. Mindestens ebenso in Erinnerung geblieben sind mir die Gespräche in den Weinhandlungen. Überall wurde ich herzlich empfangen, kompetent beraten und nie zum Kauf gedrängt. Auch vor der Sprachbarriere muss niemand Angst haben: In nahezu allen Cavistes wurde problemlos Englisch gesprochen.
Hinter einer unscheinbaren Fassade
Mein eindrucksvollstes Erlebnis hatte ich jedoch im Cave du Parvis Saint-Maurice. Der Weinladen stand ursprünglich gar nicht auf meiner Liste. Ich entdeckte ihn zufällig bei einem Spaziergang durch die Altstadt. Von außen bestätigte er zunächst genau den Eindruck, den ich inzwischen von vielen Cavistes gewonnen hatte: eine etwas in die Jahre gekommene Auslage, verblasste Etiketten und nichts, was auf den ersten Blick erahnen ließ, welche Schätze sich hinter der Tür verbargen. Doch inzwischen wusste ich: Entscheidend sind die inneren Werte.
Und die konnten sich sehen lassen. Rund 2.000 verschiedene Weine stehen hier in den Regalen, darunter auch einige Flaschen, die selbst in spezialisierten Weinhandlungen nur selten zu finden sind. Noch beeindruckender als das Sortiment war jedoch das Gespräch mit der Besitzerin Juliane Chilès. Schnell wurde deutlich, dass hier Wein nicht einfach verkauft, sondern mit großer Leidenschaft gelebt wird.
Nach unserem Gespräch verschwand sie kurz im Keller, um eine Flasche 2022 Domaine de Montcalmès Languedoc Blanc zu holen. Als sie zurückkam, hielt sie jedoch noch eine zweite Flasche in der Hand: einen 2014 Richard Leroy Les Rouliers. Zuvor hatten wir über Leroy gesprochen und ich hatte beiläufig erwähnt, dass es für mich ein Traum wäre, einmal einen seiner Weine zu probieren.
In diesem Moment wurde ich etwas nervös. Die Preise auf dem Sekundärmarkt kannte ich. Sie lagen weit außerhalb dessen, was ich auszugeben bereit gewesen wäre. Umso größer war die Überraschung, als sie sagte: „85 Euro.“ Für einen kurzen Augenblick konnte ich es kaum glauben.
Ich bedankte mich noch einmal herzlich, verabschiedete mich und verließ den Laden. Vor der Église Saint-Maurice setzte ich mich erst einmal auf eine Bank. Ich brauchte ein paar Minuten, um diesen Moment zu verarbeiten. Nicht wegen der so besonderen Flasche Wein allein, sondern weil Juliane sie ganz selbstverständlich für mich aus dem Keller geholt hatte. Solche Begegnungen sind es, die eine Reise unvergesslich machen.
Wenn ihr Lille besucht, solltet ihr euch außerdem den Cave Chez Lucien, Biovino – dort entdeckte ich unter anderem einen 2019 Domaine Michel Lafarge Volnay 1er Cru Clos des Chênes für 113 Euro – sowie Gabbro-Caviste ansehen. Der kleine Laden bietet nicht nur eine spannende Auswahl, sondern auch die Möglichkeit, ein Glas Wein vor Ort zu trinken. Bei meinem Besuch stand unter anderem Thomas Batardière im Regal.
Wein und Küche: eine gelungene Verbindung
Doch was wäre großartiger Wein ohne das passende Essen? Zwei Restaurants haben mich in Lille besonders überzeugt. Nicht nur wegen ihrer Küche, sondern auch wegen ihres Verständnisses für Wein.
Den Anfang macht das Rouge Barre (50 Rue de la Halle), in dem Steven Ramon eine moderne, produktorientierte Küche kocht. Das fünfgängige Abendmenü kostet gerade einmal 60 Euro und bietet ein Preis-Leistungs-Verhältnis, das ich in dieser Qualität nur sehr selten erlebt habe.
Die Menüführung ist gekonnt: Jeder Gang steigert sich. Mal setzt die Küche auf Kontraste, mal auf Harmonie. Auf den fein und sommerlich komponierten Seeteufel mit Zucchini und Pfifferlingen folgt ein kraftvolleres Kalb mit Aubergine und Brokkoli, bevor die Desserts den Abend auf zwei ganz unterschiedliche Arten ausklingen lassen: einmal fruchtig-nussig mit Aprikose, Haselnuss und Koriander, einmal überraschend herb mit Schokolade, Olive und Basilikum. So bleibt das Menü bis zum Schluss spannend.
Ebenso überzeugend war der Service. Herzlich, aufmerksam und stets auf die Wünsche der Gäste ausgerichtet, ohne jemals aufgesetzt zu wirken. Man hatte vom ersten Moment an das Gefühl, willkommen zu sein.
Zur Begleitung des Menüs entschied ich mich zunächst für eine Flasche 2020 Domaine des Tours Grenache Blanc Vaucluse (52 Euro). Leider präsentierte sich der Wein deutlich stärker weiterentwickelt als erwartet. Die Oxidation überlagerte inzwischen die übrigen Aromen, sodass er sein Potenzial nicht mehr entfalten konnte. Die Flasche wurde jedoch sofort und völlig unkompliziert ersetzt. Genau so wünscht man sich den Umgang mit einer Reklamation.
Die Empfehlung fiel auf den 2020 Domaine des Tours Vaucluse Clairette (62 Euro). Eine Empfehlung, die sich als genau richtig herausstellte. Mit Ausnahme der Desserts begleitete der salzige und kräuterige Wein das gesamte Menü und entwickelte sich mit jedem Gang weiter. Trotz seiner Kraft wirkte er nie schwer. Im Gegenteil: Er überzeugte mit einem erstaunlich eleganten Mundgefühl und einer feinen phenolischen Struktur. Genau wie das Menü selbst gewann auch er im Verlauf des Abends immer mehr an Ausdruck.
Auch die Weinkarte verdient besondere Aufmerksamkeit. Sie ist zwar leider nicht online einsehbar, hält aber manche Überraschung bereit. Neben verschiedenen Weinen von Château Rayas finden sich auch einige Flaschen der Domaine de la Romanée-Conti. Gleichzeitig liegt die eigentliche Stärke der Karte nicht in ihren großen Namen, sondern in der Vielzahl spannender Weine unterschiedlicher Preisklassen. Schon allein ihretwegen lohnt sich ein Besuch.
Leider hatte sich Victor, der Sommelier des Rouge Barre, der in der französischen Weinszene einen hervorragenden Ruf genießt, bei der Fête de la Musique den Fuß verletzt und war während meines Besuchs nicht im Restaurant. Für mich ist das ein guter Grund, wiederzukommen. Ehrlich gesagt hätte ich dafür aber keinen weiteren Anlass gebraucht. Zu stimmig waren Küche, Wein und Service. Im Rouge Barre kann man auf einem Niveau essen, das ich durchaus in der Nähe eines Michelin-Sterns sehe. Umso erstaunlicher ist das Preis-Leistungs-Verhältnis.
Ein schönes Detail zum Schluss: Auch Familien sind hier willkommen. Statt eines lieblosen Kindermenüs gibt es eine eigene, sorgfältig abgestimmte Version des Menüs, die zeigt, dass guter Geschmack keine Frage des Alters ist.
Regionalität auf höchstem Niveau
Wer die regionale Küche Nordfrankreichs kennenlernen möchte, dem kann ich das Bloempot in der Rue des Bouchers ans Herz legen. Hier kommen ausschließlich Zutaten auf den Teller, die aus einem Umkreis von maximal 150 Kilometern stammen. Regionalität ist hier kein Schlagwort, sondern gelebte Überzeugung.
Wie schon im Rouge Barre stehen auch hier die Qualität der Produkte und ihr Eigengeschmack im Mittelpunkt. Die offene Küche erlaubt den Blick auf das Küchenteam, das mit großer Ruhe und handwerklicher Präzision arbeitet. Allein dabei zuzusehen, macht bereits Freude.
Das Mittagsmenü umfasst drei Gänge sowie zwei kleine Grüße aus der Küche und kostet gerade einmal 38 Euro. Für 18 Euro gibt es eine sorgfältig abgestimmte Wein- und Bierbegleitung. Die ausgeschenkten Weine waren hervorragend gewählt und unterstrichen den regionalen und handwerklichen Charakter der Küche. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir der Chardonnay Pampa 2023 von Clos Sauvage aus Mâcon-Chaintré sowie der 2024 Primula der Domaine de l’Iserand. Zwei Weine, die ich ohne diesen Restaurantbesuch vermutlich nie kennengelernt hätte. Genau solche Entdeckungen machen für mich den Reiz einer guten Weinbegleitung aus.
Lille genießen: Weinbars, Picknick und kleine Entdeckungen
Lille lässt sich aber nicht nur in Weinhandlungen und Restaurants entdecken. Oft sind es gerade die einfachen Momente, die in Erinnerung bleiben: ein Glas Wein in einer kleinen Bar, ein frisches Baguette unter dem Arm oder ein Picknick am Kanal.
Wer den Tag bei einem Glas Wein ausklingen lassen möchte, sollte einen Spaziergang durch die Rue Saint-André machen. Hier reihen sich mehrere interessante Weinbars aneinander. Mein persönlicher Favorit ist das Pulpe. Die kleine Weinbar verbindet eine entspannte Atmosphäre mit einer sorgfältig zusammengestellten Weinkarte und feinen kleinen Gerichten. Bei meinem Besuch fanden sich unter anderem Weine von Domaine Jamet, Thierry Allemand und Champagner von La Rogerie auf der Karte. Ein kleiner Tipp: Unbedingt rechtzeitig reservieren, denn am Abend ist es hier meist bis auf den letzten Platz gefüllt.
Mindestens genauso gern erinnere ich mich an unser Picknick am Canal de la Moyenne-Deûle. Mit einem Glas Chenin Blanc, etwas Käse, frischem Obst und dem Blick auf die Seerosen fühlt man sich fast wie in einem Gemälde von Claude Monet. Eine Picknickdecke braucht ihr übrigens nicht unbedingt. Entlang des Kanals gibt es zahlreiche Bänke, auf denen ihr den Nachmittag ganz entspannt genießen könnt.
Die Zutaten dafür findet ihr auf dem Markt in Wazemmes. Besonders der überdachte Teil hat mich begeistert. Während der Außenbereich bei meinem Besuch im Juli überwiegend Ware vom Großmarkt anbot, findet ihr drinnen alles, was zu einem gelungenen Picknick gehört: aromatisches Obst und Gemüse, Oliven, Käse und viele weitere regionale Spezialitäten.
Wer seinen Käse lieber in der Altstadt kauft, sollte bei Philippe Olivier vorbeischauen. Ich entschied mich dort für einen Vieux Gris de Lille, einen traditionellen Käse der Region. Ehrlich gesagt gefiel mir die Auswahl auf dem Markt sogar noch etwas besser. Das gehört aber zu den schönen Dingen beim Reisen: Jeder entdeckt seine eigenen Lieblingsorte.
Fast hätte ich das Wichtigste vergessen: das Baguette. Dafür solltet ihr unbedingt zur Boulangerie Valérie & Raphaël Brier gehen. Für mich war sie die beste Bäckerei der Altstadt. Und wenn ihr schon dort seid, nehmt gleich noch eine Tarte au citron meringuée mit. Spätestens beim ersten Bissen werdet ihr verstehen, warum.
Mehr als eine Weinstadt
Lille hat weit mehr zu bieten als seine Weinkultur. Die liebevoll restaurierte Altstadt, kleine unabhängige Geschäfte, gemütliche Cafés und die entspannte Atmosphäre machen die Stadt zu einem Reiseziel, das man immer wieder gerne besucht. Gerade weil Lille touristisch noch etwas im Schatten anderer französischer Städte steht, lässt sie Raum für eigene Entdeckungen.
Vielleicht ist genau das der größte Reiz dieser Stadt. Man reist wegen eines Termins, eines verlängerten Wochenendes oder aus reiner Neugier an und fährt mit weit mehr nach Hause, als man erwartet hätte. Nicht nur mit ein paar guten Flaschen im Gepäck, sondern mit Begegnungen, die in Erinnerung bleiben.
Die Menschen, die ich in den Cavistes, Restaurants und Weinbars kennenlernen durfte, verbindet eine gemeinsame Haltung: Wein ist für sie kein Statussymbol und keine Trophäe. Er ist etwas, das geteilt werden möchte. Diese Offenheit und Herzlichkeit haben mich in Lille mehr beeindruckt als jede große Flasche.
Vielleicht entdeckt ihr bei eurem Besuch einen ganz anderen Caviste, findet euren Lieblingsplatz am Kanal oder stoßt auf eine Flasche, von der ihr nie gedacht hättet, dass sie dort auf euch wartet. Genau das macht für mich den Zauber dieser Stadt aus. Lille möchte nicht beeindrucken. Lille möchte entdeckt werden.
