Jahresrückblick 2025

Domaine Labet Savagnin2025 war ein Weinjahr, das sich nicht entscheiden konnte, ob es provozieren oder gefallen wollte – also tat es beides. Auf Instagram lieferten sich Naturwein-Jünger und konventionelle Puristen ihre üblichen Grabenkämpfe, Winzer experimentierten mit neuen Mondphasen (weil die alten offenbar ausgereizt waren), und parallel rollte die dritte Trendwelle durch die Gläser: Weißwein darf wieder Farbe haben. In manchen Regionen stellte sich zudem die Frage, ob man überhaupt noch „normal“ vinifizieren darf, ohne sofort als nostalgischer Traditionalist mit beginnender Midlife-Crisis diagnostiziert zu werden. Kurzum: Es war turbulent, herrlich widersprüchlich – und damit erschreckend authentisch für die Weinwelt.

Gleichzeitig wurde es im Glas erstaunlich ruhig. Wir trinken weniger, aber dafür mit einer Ernsthaftigkeit, die früher nur beim Finanzamt vorkam. Die zweite Hälfte der Flasche landet plötzlich im Kühlschrank – ein Satz, den ich früher für eine Beleidigung des Lebensgefühls gehalten hätte. Dafür schmeckt das erste Glas heute doppelt so konzentriert, fast meditativ. Qualitätssteigerung durch Verknappung – Marx hätte begeistert applaudiert und vermutlich um einen gereiften Riesling gebeten, um die dialektische Spannung zu feiern.

Während Konsument:innen reflektierter werden, zeigt der Handel sein wahres Gesicht. Bei manchen Weinhändlern wurde 2025 schmerzhaft deutlich, wie schnell große Worte über „Leidenschaft“ verpuffen, sobald die Marge nicht mehr so will wie der Marketingplan. Heute zählt nicht mehr, wie viel im Glas landet, sondern wie glaubwürdig die Geschichte dahinter ist – hübsche Etiketten reichen längst nicht mehr, denn Haltung schmeckt man inzwischen mit. Und so wird deutlicher denn je, wer wirklich für Wein brennt und wer ihn lediglich als dekoratives Trägermedium für eine gute Marge nutzt.

Vielleicht ist genau diese Mischung aus Chaos, Klarheit und leichtem Kopfschütteln der perfekte Anlass für einen persönlichen Rückblick. Keinen objektiven, keinen vollständigen – sondern einfach meinen. Mit Kategorien, die garantiert in keiner Bestenliste stehen, außer in meiner eigenen.

Ein teurer Wein, der 2025 erstaunlich okay war

DuMol Finn 2021 Pinot Noir, Russian River Valley (Sonoma County)

Manchmal lösen sehr hohe Punktebewertungen verschiedener Weinkritiker:innen bei mir einen spontanen Kaufreflex aus. Leider war dieser Wein für meinen Geschmack zu konzentriert und zu perfekt vinifiziert – technisch brillant, emotional aber überraschend glatt.

Der Wein mit dem schrägsten Namen 2025

Bonkers zombie robot alien Monster from the future eat my brain
Ja. Das ist ein echter Wein. Und ja, ich konnte nicht widerstehen.

Der Wein, mit dem ich 2025 begonnen habe – und mit dem ich 2026 gern wieder beginne

Comando G – La Bruja 2020 (Sierra de Gredos), Magnum

Manchmal sind es die „kleinsten Weine“ eines Weinguts, die am meisten erzählen. Funky Grenache, voller Energie und Trinkfreude.

Der absolut gemischteste Satz 2025

Yburg2022 Gemischter Satz „Rettet die Reben“, Weingut Beurer

Mindestens 22 Rebsorten – darunter Adelfränkisch, Roter Urban, Putzscheere, Blauer Scheuchner, Honigler und viele mehr. Mehr Rebsorten passen kaum in eine Flasche, und ehrlich gesagt auch kaum in einen Absatz.

Fun Fact: Die Reben wachsen idyllisch unterhalb der Yburg auf einem kleinen, terrassierten Weinberg mit üppigem Beikraut – was man dem Wein anmerkt.

Erstaunlich zugängliche Pinot Noirs des Jahrgangs 2021

Bernhard Huber – Malterdinger Bienenberg

Meyer-Näkel – Dernauer Pfarrwingert
Beide zeigen eindrucksvoll, dass man schwächere Rotweinjahrgänge durchaus früher trinken kann – und manchmal sogar sollte.

Vergessene rote Rebsorte des Jahres

2020 Scarpa „Rouchet“, Monferrato Rosso DOC (Ruchè)

Ein überbordender Duft nach Rosen, Veilchen, Jasmin und Hagebutte – fast wie ein Blumenstrauß mit Tanninstruktur.

Älteste Scheurebe meines Lebens

Weingut Meßmer – Scheurebe Eiswein Selection 1999

Aus mehreren halben Flaschen verkostet, mit erstaunlicher Frische und Tiefe. Selbst Scheurebe kann also reifen – wer hätte das gedacht.

Das Etikett, das 2025 sicher keinen Designpreis gewinnt

Caveau de Bacchus Réserve du Caveau – Lucien Aviet

Man muss nicht alles schön machen. Manchmal reicht Charakter.

Bestes Weinschnäppchen 2025

Vayi Szamorodni trocken 2020 (0,5 l) – 13,50 €

Mehr Komplexität, Länge und Individualität ist für diesen Preis kaum zu finden. Trockene, oxidativ ausgebaute Szamorodni aus Tokaj sind leider zur Rarität geworden.

Ramon Estate Winery ChardonnayDer Wein, der mich 2025 am meisten zum Googeln gebracht hat

2024 Ramon Estate Chardonnay (Mitzpe Ramon, Negev, Israel)

Über diesen Wein findet man praktisch nichts. Falls jemand das Projekt kennt: Bitte melden!

Der Jahrgangschampagner, der Geduld lehrt
Bollinger La Grande Année 2008


Aktuell in einem wunderbaren Spannungsfeld zwischen Frische und erster Reife. Sein eigentliches Fenster dürfte erst in 2–5 Jahren liegen.

Meine top drei eingefangener Einhörner 2025

2023 I. et S. Bernaudeau – Les Nourrissons
2024 Guffens-Heynen – Pouilly-Fuissé Croux et Petits-Croux
2022 Weingut Johannes Aufricht – Nachtweid

Die Jagd geht weiter.

Spannendste Riesling-Neuentdeckung 2025 (nicht aus Deutschland)

Le Silence et la Résonance 2024 – Jintaro Yura (Elsass)

Ein Riesling von beeindruckender Balance: Tiefe und Fülle treffen auf messerscharfe Säure – Spannung pur.

Der burgundischste Müller-Thurgau meines Jahres

Weingut Schmidt, Bodensee – Müller-Thurgau „Drumlin“ 2024
Laut Winzer zufällig entstanden – man muss ja nicht alles glauben. 

Exkurs: Drumlins sind sanft geschwungene Hügel aus eiszeitlichem Geschiebe, die am Bodensee hervorragend drainierte, durchlüftete Böden mit idealem Kaltluftabfluss bieten.

Bester Wein-Deal im Sterne-Restaurant 2025

2021 Domaine Labet – Savagnin En Chalasse (100 €)

Ein grandioser Speisenbegleiter, der besonders beim unvermeidlichen Blumenkohlgang glänzte.

Ausblick auf 2026

Ich bin gespannt, wie sich die Branche weiter neu erfindet, wie der Jahrgang 2025 in den deutschen Weinregionen tatsächlich schmecken wird – und ob er wirklich so gut ist, wie derzeit behauptet wird. Vor allem freue ich mich auf neue Entdeckungen, neue Erfahrungen und neue Lernmomente.

Wenn 2026 halb so widersprüchlich, neugierig und überraschend wird wie 2025, dann habe ich im Glas nichts zu beklagen.

Vielen Dank fürs Lesen – und allen Weinfreund:innen einen großartigen Jahreswechsel und einen genussvollen Start ins neue Jahr 2026. 🍷

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